Fußball und Identität: Die WM als Brennglas

Ich befasse mich in unserem Forschungsprojekt mit der Frage von Fußball und Identität. Die WM ist da immer wieder ein Brennglas. Nicht umsonst gilt der Fußball als der letzte Hort, an dem man seine Vorurteile und Klischeevorstellungen nochmal so richtig ungestraft raus lassen kann. Das zeigt sich auch in dieser Woche an unterschiedlichen Stellen. Zum Beispiel:

Augen zu und durch. Boykott der WM?!

#noputin Der Zeit-Autor Dmitrij Kapitelman boykottiert die FIFA-Männer-WM in Russland. Aus politischen Gründen. Weil wegen Putin in Syrien und überhaupt, alles korrupt. Er hat ja so recht. Nachdem der deutsche Michel wochenland aufgeregt schnatterte, da zwei Spieler der DFB-Auswahl “ihren” Präsidenten trafen, sind Putin und FIFA für die damals noch quiekende Mehrheit spontan demokratisiert worden. Mister Kapitelman steht also auf der Seite der Guten. Aber geht das wirklich? Wie überlebt man vier Wochen Mainstream-Fußballeuphorie, von der man doch gar nichts wissen will. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder man interessiert sich nicht für Fußball. Oder man leidet. Und dabei darf man den Autor begleiten und ein bisschen mitleiden. Wunderbar!

Zeit.de | Serie: Augen zu und durch

#wetoo: Frauen in der Fankurve

Es haben noch nicht alle mitgekriegt, aber auch Frauen spielen/schauen/analysieren/lieben/supporten Fußball. Auch wenn der Begriff “Männer-WM” im Gegensatz zu “Frauen-WM” immer noch irritierte Blicke hervorruft, ist es mittlerweile selbst in den Redaktionen einschlägiger Männer-Fußballmagazine angekommen, dass es nicht nur 11 Freunde, sondern ab- und an auch Freundinnen sind. Das großartige österreichische Fußballmagazin ballesterer spielt auf diesem Feld schon länger mit. Nun gibt es eine ganze Ausgabe zu Frauen: Frauen in der Fankurve. Im Kiosk des Vertrauens, bestellbar auf der Webseite und einige Texte sind im Blog verfügbar. Lesen!

#wetoo: Frauen in der Fankurve, ballesterer #131

Der dicke Bauch sitzt im Parlament

Parlamente sind in den seltenstens Fällen repräsentativ für die Bevölkerung, die ihre Mitglieder repräsentieren sollen. Das allein ist keine neue Erkenntnis. Für den deutschen Bundestag galt bisher jedoch der generelle Trend, dass die Gruppe der Parlamentarier/innen in der Tendenz repräsentativer wurde. Der Trend ist erst einmal vorbei. Der aktuelle Bundestag ist männlicher, weniger alt und weniger jung als bisher. Der dicke Bauch, der Anteil der Männer mittleren Alters, ist zurück.

Die Bezeichnung “dicker Bauch” ergibt sich aus der Visualisierung der Zusammensetzung der Parlamentarier/innen in einer Alterspyramide. Wobei, Pyramide das falsche Wort ist, wie man in dieser Grafik sieht:

Pyramide im Vergleich: Bevölkerung und Bundestag. Screenshot von spiegelonline.de

Die Datenjournalist/innen von Spiegelonline haben die Zusammensetzung des Bundestags genauer analysiert und grafisch dargestellt. Dabei sieht man, wie sich die Zusammensetzung des Parlaments seit Gründung der Bundesrepublik verändert hat.

Wahlprogramme zwischen Neuem Testament und Luhmann

Alle Wahlprogramme lesen? Dauert nur 17 Stunden” titelt zeit online. Im ersten Moment klingt das wie das übliche journalistische Gemecker über zu lange und unleserliche Wahlprogramme, die kein/e Wähler/in je liest, geschweige denn versteht. Um Leser/innenfreundlichkeit und Verständlichkeit geht es auch im Text. Allerdings ist der Gastbeitrag von Nicolas Merz (WZB Berlin, Manifesto Project) einer der besten Versuche in der deutschen Presse, wissenschaftliche Erkenntnisse einem breiterem Publikum zugänglich zu machen.

Merz untersucht sprachliche und inhaltliche Aspekte der Wahlprogramme zur Bundestagswahl: die Länge, die Lesbarkeit, die Wortwahl und die Nähe der Programme zueinander. Funfact: Die CDU hat das am besten lesbare Programm (gemessen an der Wiener Sachtextformel), die AfD das am schlechtesten lesbare. Allerdings ist der Unterschied gering. Der Index soll in etwa die notwendigen Bildungsjahre vermitteln. Um von CDU- zu AfD-Programm zu kommen, benötigt man 1.2 Jahre…

Die einzelnen Aspekte werden am Schluss des Textes noch einmal kurz zusammengefasst. Außerdem steht der verwendete Datenkorpus über github zum Download bereit. Insgesamt: Ein gutes Beispiel für öffentliche Politikwissenschaft.

Zwischen Stadtlinken und Arbeitertradition

Wo steht die Partei Die Linke im Bundestagswahljahr 2017? In der Reihe Deutschlandfunk-“Hintergrund” wird diese Frage diskutiert im Hinblick auf zwei Aspekte:

  • Mitgliederbasis: Neuere Parteimitglieder unterscheiden sich von den älteren. 2017 sind mehrheitlich junge Menschen in die Partei eingetreten und erstmals seit langem gab es mehr Eintritte als Austritte. Außerdem sind die Neuen eher akademisch gebildet. Hier zeichnet sich ein potenzieller Konflikt zwischen akademischen Stadtlinken und denen ab, die aus dem traditionellen Arbeitermilieu kommen.
  • Politische Strategie: Die Linke ist immer noch zerrissen zwischen Revolution und Reform. Konkret zeigt sich dies in der Zerstrittenheit zwischen denjenigen, die aktiv auf eine Rot-rot-grüne Koalition hinarbeiten (und teilweise in den Ländern schon regieren) und denen, die jegliche Gestaltungsmöglichkeit ablehen, da sie den Kapitalismus für nicht reformierbar halten.

Damit stellt sich für Die Linke im Bereich der Mitgliederbasis ein Problem, mit dem auch andere Linke und sozialdemokratische Parteien konfrontiert sind. Ein prominentes Beispiel ist die britische Labour-Partei, deren “Corbyn-Mitglieder”, also diejenigen, die nach den Wahlen 2015 eingetreten sind, deutlich gesellschaftsliberalere Positionen vertreten als die alten Mitglieder und einen Kandidaten mit einem klaren linken Profil unterstützen. Die letzten britischen Unterhauswahlen haben gezeigt, dass das zumindest kurzfristig erfolgreich sein kann. Allerdings stellt sich, anders als bei der Linkspartei, in Großbritannien die Frage nach Revolution oder Reform nicht.

Quelle: Deutschlandfunk Hintergrund vom 08. Juni 2017.

Re: Medienkritik

Die Medien”kritik”, die sich im Buzzwort “Lügenpresse” äußert ist nur scheinbar kritisch. Im rechten, autoritären Denken ist eben alles falsch, was nicht den eigenen Vorurteilen und Überzeugungen entspricht, fürhin also ist eine solche Kritik genau das Gegenteil von Kritik im aufklärerischen Sinne.

Das bedeutet jedoch nicht im Umkehrschluss, dass Vorwürfe medialer Verzerrung allesamt herbei halluziniert sind. Oder – wie es soziologischer kaum formuliert werden kann:

In ihrer Darstellung orientieren sich Medienschaffende zumeist an den thematischen Trends ihrer Kollegen (vgl. Reinemann, 2003), wobei gängige Nachrichtenfaktoren wie Neuheit, Negativismus oder Personalisierung die Berichterstattung überformen (vgl. im Überblick Schulz, 1990). Die Beiträge argumentieren anhand subjektiv aus- gewählter Einzelfälle anstelle von statistisch repräsentativen Daten (vgl. z. B. Daschmann & Brosius, 1997), nutzen sprachliche Steigerungsformen und Superlative, um Interesse zu erzeugen (vgl. z. B. Brosius, Breinker, & Esser, 1991) und konzentrieren sich nicht zuletzt auf singuläre Erscheinungen, die zu technikzentrierten, ahistorischen und dekontextualisierenden Schlussfolgerungen verleiten (vgl. z. B. Rössler, 2001). In der Konsequenz entstehen oft heterogene mediale Kommentierungen, deren Vergleichs- und Bewertungsmaßstäbe ebenso im Unklaren verbleiben wie die epistemologischen Grenzen, die jenen essayistischen Beobachtungen zugrunde liegen.

Quelle: Schweitzer, Eva Johanna. 2010. Normalisierung 2.0. Die Online-Wahlkämpfe deutscher Parteien zu den Bundestagswahlen 2002-2009. In: Die Massenmedien im Wahlkampf, hg. von Christina Holtz-Bacha, 189–244. Verlag für Sozialwissenschaften. doi:10.1007/978-3-531-92509-7_8.

“Es war nicht immer der Osten” …

… betitelt die Berliner Morgenpost ihren neuesten datenjournalistischen Beitrag. Darin zeigen sie, wie rechte Parteien seit 1990 bei Bundestagswahlen abgeschnitten haben. Dabei trennen sie optisch zwischen rechtsextremen und rechtspopulistischen Parteien, wobei die Grundlage der Trennung unklar bleibt (so werden die Republikaner ab 2006 zu den Rechtspopulisten gezählt, zuvor waren sie noch rechtsextrem). Dies ist aber auch weniger relevant.

Die Daten über den langen Zeitraum zeigen zwei Dinge: Erstens eine Entwicklung: Die höchste Zustimmung zu rechten Parteien verschiebt sich. Während der 1990er Jahre stark in den südlichen Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg, “wandert” die Zustimmung nach Norden (Baden-Württemberg und Hessen) und nach Osten (Thüringen, Sachsen, östliches Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern). Ab Mitte der 2000er Jahre erstarken die rechten Parteien dann in Sachsen und später auch den restlichen östlichen Bundesländern. Die (nun als populistisch klassifizierten) rechten Parteien können bei der Wahl 2013 in allen diesen Regionen punkten. Zusätzlich an Nord- und Ostsee sowie im Ruhrgebiet und in Teilen von Rheinland-Pfalz und Saarland.

Zweitens, eine Niveauverschiebung. Während die Zustimmung zu den rechtsextremen Parteien in den 1990ern nur in sehr wenigen Kreisen bei mehr als 10% lag, ist diese Höhe der Zustimmung zu den rechtspopulistischen Parteien 2013 in manchen Bundesländern flächendeckend. Gleichzeitig zeigt sich, dass die rechten Parteien 2013 offensichtlich an “Erfolge” anderer rechter Parteien, vor allem in Baden-Württemberg und Hessen, anknüpfen können.

Leider kann man mit den Daten keine strukturellen Ursachen oder Zusammenhänge darstellen. Die Landkarte mit Urbanisierungsgrad und diversen anderen sozio-ökonomischen Daten zu unterfüttern wäre sicherlich ein gutes Unterfangen…

Germany’s scholars in international relations

The data orientation in social sciences sometimes even covers a self-analysis. This is currently the case for a study about scholars teaching or researching in international relations, the TRIP faculty survey. To put it short: Who is creating knowledge at the faculties around the world about piece and war, negotiations and the interdependences of communities, people and societies beyond the nation state?

The German politics journal just published an article about the German data, based on 234 (out of 518) replies from German scholars. What is important?

  • Not different from other disciplines: female junior scholars and male professors. The gender composition in general is around 40% women, but among the professors they are make up less than 30%.
  • Not surprising either: English is more important than German as publishing language in the largest non-English IR community. Most of the researchers publish in English and take German journals as the 2nd best choice.
  • Research areas differ from the global comparison: German faculty is more engaged in international organisations and in theory than in security studies, reflecting the specific institutionalism approach in German that “big names” stand for (e.g. Czempiel, Haftendorn, Rittberger).
  • This specific shape is contrasted by an mainly US-orientation of both the researchers and the institutions that are considered high in diverse ranking lists (or “beauty contests” how the authors call them).

Seems as if the German IR is still somewhat particular and historically rooted but at the same time oriented towards the anglophone mainstream.

Die Süddeutsche Zeitung und Griechenland

Nicht neu, aber wieder gelesen:

Margarethe Jäger und Regina Wamper vom Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung haben im vergangenen Jahr die Berichterstattung der Süddeutschen Zeitung zur Griechenlandkrise untersucht. Ihr Fazit: “Die SZ folgt dem technokratischen Herangehen der politischen Akteure”. Die Kommentare der als liberal geltenden Zeitung zeichnen sich dadurch aus, dass die Dichotomie von Gut (EU) gegen Böse (Griechenland), die von interessierter politischer Seite gezeichnet wurde unhinterfragt übernommen wird. Damit einher geht eine eindeutige Besetzung des Wortes “Reform” als Chiffre für die sozialpolitischen Zumutungen der europäischen Union. Veränderungen (und damit ebenfalls Reformen), die die griechische Syriza-Regierung vorschlägt werden hingegen als “Blockaden” gekennzeichnet.

In einem solchen diskursiven Rahmen erscheint dann auch die Politik der EU als rational und sinnvoll, während die griechische Position als emotional und falsch dasteht. Die Arbeit zeigt exemplarisch den Nutzen von hermeneutischen Analysen um politische Prozesse und das “Machen” gesellschafter Stimmungen zu verstehen.