Re: Medienkritik

Die Medien”kritik”, die sich im Buzzwort “Lügenpresse” äußert ist nur scheinbar kritisch. Im rechten, autoritären Denken ist eben alles falsch, was nicht den eigenen Vorurteilen und Überzeugungen entspricht, fürhin also ist eine solche Kritik genau das Gegenteil von Kritik im aufklärerischen Sinne.

Das bedeutet jedoch nicht im Umkehrschluss, dass Vorwürfe medialer Verzerrung allesamt herbei halluziniert sind. Oder – wie es soziologischer kaum formuliert werden kann:

In ihrer Darstellung orientieren sich Medienschaffende zumeist an den thematischen Trends ihrer Kollegen (vgl. Reinemann, 2003), wobei gängige Nachrichtenfaktoren wie Neuheit, Negativismus oder Personalisierung die Berichterstattung überformen (vgl. im Überblick Schulz, 1990). Die Beiträge argumentieren anhand subjektiv aus- gewählter Einzelfälle anstelle von statistisch repräsentativen Daten (vgl. z. B. Daschmann & Brosius, 1997), nutzen sprachliche Steigerungsformen und Superlative, um Interesse zu erzeugen (vgl. z. B. Brosius, Breinker, & Esser, 1991) und konzentrieren sich nicht zuletzt auf singuläre Erscheinungen, die zu technikzentrierten, ahistorischen und dekontextualisierenden Schlussfolgerungen verleiten (vgl. z. B. Rössler, 2001). In der Konsequenz entstehen oft heterogene mediale Kommentierungen, deren Vergleichs- und Bewertungsmaßstäbe ebenso im Unklaren verbleiben wie die epistemologischen Grenzen, die jenen essayistischen Beobachtungen zugrunde liegen.

Quelle: Schweitzer, Eva Johanna. 2010. Normalisierung 2.0. Die Online-Wahlkämpfe deutscher Parteien zu den Bundestagswahlen 2002-2009. In: Die Massenmedien im Wahlkampf, hg. von Christina Holtz-Bacha, 189–244. Verlag für Sozialwissenschaften. doi:10.1007/978-3-531-92509-7_8.

Die Süddeutsche Zeitung und Griechenland

Nicht neu, aber wieder gelesen:

Margarethe Jäger und Regina Wamper vom Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung haben im vergangenen Jahr die Berichterstattung der Süddeutschen Zeitung zur Griechenlandkrise untersucht. Ihr Fazit: “Die SZ folgt dem technokratischen Herangehen der politischen Akteure”. Die Kommentare der als liberal geltenden Zeitung zeichnen sich dadurch aus, dass die Dichotomie von Gut (EU) gegen Böse (Griechenland), die von interessierter politischer Seite gezeichnet wurde unhinterfragt übernommen wird. Damit einher geht eine eindeutige Besetzung des Wortes “Reform” als Chiffre für die sozialpolitischen Zumutungen der europäischen Union. Veränderungen (und damit ebenfalls Reformen), die die griechische Syriza-Regierung vorschlägt werden hingegen als “Blockaden” gekennzeichnet.

In einem solchen diskursiven Rahmen erscheint dann auch die Politik der EU als rational und sinnvoll, während die griechische Position als emotional und falsch dasteht. Die Arbeit zeigt exemplarisch den Nutzen von hermeneutischen Analysen um politische Prozesse und das “Machen” gesellschafter Stimmungen zu verstehen.

There is no such thing as society…

“There is no such thing as society. There are individual men and women” – and animals, wäre hinzuzufügen.

Der berüchtigte Thatcher’sche Spruch ergänzt um die akademische Mode “Human Animal Studies (HAS)”. Ein fiktiver Beitrag auf einer Konferenz und die passende Kritik an akademischen Moden im Allgemeinen, postmodernem Relativismus und deutsche Schäferhunde. Passt alles nicht zusammen? Gehört aber zusammen. Ein guter Text zu einem wissenschaftlichen Experiment.

Kommissar Rex an der Mauer erschossen? von Christiane Schulte & Freund_innen.

Pop.Politik.Theorie und Lernen von Varoufakis.

Popkulturelle Theorie erweitert die (ein)gängigen Betrachtungen von Politik. Ein Beispiel dafür liefert Jochen Venus im Artikel “Das Game-Over-Game. Ein Rückblick auf Yanis Varoufakis” in der pop-zeitschrift.

“Beurteilt man den Sachverhalt aus institutioneller Perspektive, ist Varoufakis amateurhaft gescheitert. Jenseits dieser Perspektive aber, vom Standpunkt des Publikums aus betrachtet, konnte Varoufakis einen demonstrativen Erfolg verbuchen. Denn die Institutionen moderner Politik sind für das Publikum seit langem schon unverständlich geworden.”

Die institutionelle Perspektive dominiert, sowohl in der politik-wissenschaftlichen Analyse als auch in der politischen Bewertung. V. sei gescheitert ist wohl die gebräuchliste Formel und gemessen an dem institutionellen Output nicht von der Hand zu weisen.

Aber damit wird nur ein Teil des gesellschaftlichen und sozialen Prozesses verstanden, in dem Politik zunehmend als institutionell Illegitim wahrgenommen wird. Dabei scheint nach der Zeit der Kampagnenorientierung professioneller Politik und “spin doctor campaining” eine neue Kluft zwischen medialer und politischer Sphäre auf:

“Als Professor für ökonomische Theorie verfügte er über die fachliche Reputation und als höchst erfolgreicher Bestseller-Autor und anglophoner Blogger über die medialen ›skills‹ und die Reichweite, die wirtschaftspolitische Unzweckmäßigkeit der Austeritätspolitik verständlich zu begründen und weltöffentlich zu skandalisieren. Massenmedial ist das gelungen – politisch ist es gescheitert.”

Diese Situation, in der die Lufthoheit über den medialen Raum nicht zwangsläufig mit politischem (institutionellem) Einfluss einhergeht passt nicht zu den Formulierungen von “Politik als Kampagne”, denen sich die Akteure der offiziellen Politik, Parteien und Gewerkschaften in den vergangenen Jahren unterworfen haben. Dies kann einen Raum öffnen für Diskussionen über das wie von Politik, gerade außerhalt von etablierten Kanälen.

F/LASH.BACK Feminismus und Gender Studies

Veranstaltungsempfehlung: Feministische Wissenschaftlerinnen und Gender Studies werden immer wieder zur Zielscheibe von Angriffen auf die Sinnhaftigkeit des Faches, in der Regel von Personen, die sich einer wissenschaftlichen Debatte dazu entziehen. Diese Diskussionen fanden gerade in jüngster Vergangenheit vor allem im Netz statt, prominente Beispiele sind Diskussionen um die berliner Sprachwissenschaftlerin Lann Hornscheidt oder das Statement der Fachschaft Gender Studies an der HU Berlin (Sprachlog hat die antiwissenschaftlichen Argument dieser Debatte ausführlich und lesenswert analysiert). Die dort festgestelle reflexhafte Abwehr von wissenschaftlichen Prozessen kann im alonischen Sinne als “kultureller Code” der “besseren (weißen, männlichen) Kreise” verstanden werden.

Das Institut für deutsche Sprache und Literatur der TU Dortmund widmet sich diesem Thema in diesem Semester in einer Veranstaltungsreihe. Den Anfang macht die neuberufene Professorin Sigrid Nieberle in ihrer Antrittsvorlesung mit dem schönen Titel “Martensteine. Einlagerungen in den Genderdiskurs.” Außerdem sind weitere (Netz-)bekannte wie Anne Wieczorek und Dana Buchzik dabei. Empfehlung!

Faltblatt Flashback

Plakat_Flashback

Arbeit ist nicht unser Leben – wiedergefunden

Das Buch “Arbeit ist nicht unser Leben” von Alix Faßmann hatte ich vor einigen Monaten auf unserem Lehrstuhlblog rezensiert. Dabei stand ihr Kapitel zur Generationenfrage, bzw. zum “Generationenkonflikt” im Vordergrund.

Armind Kammrad hat es nun ebenfalls für LabourNet rezensiert mit einem stärkeren Focus auf den “Fetisch Arbeit”. Dazu gibt es eine weitere Linksammlung zu dem insgesamt lohnenswerten Buch und einen Textauszug.

 

Nichtwähler in Deutschland

Wählen gilt in der Partizipationsforschung als niedrigschwelliger und für viele Bürger/innen einziger Art der demokratischen Teilhabe. Die Bewertung des Nichtwählens könnte unterschiedlicher nicht sein. Während die Funktion des Wählens weitgehend unumstritten als Bindeglied zwischen Bevölkerung und Repräsentant/innen eingeschätzt wird, gilt Nichtwählen abwechselnd als Ausdruck allgemeiner Zufriedenheit mit dem politischen Geschehen oder als Protestvariante, durch die Distanz zur Demokratie ausgedrückt wird. Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat nun bei Manfred Güllner (forsa) eine Untersuchung der Nichtwähler/innen in Auftrag gegeben.

Die Ergebnisse überraschen nicht, Bildung und Sozialkapital (Schulbildung, Einkommen, sozialer Status) sind zwischen Wähler/innen und Nichtwähler/innen unterschiedlich verteilt. Besonders diejenigen, die Güllner als “Dauer-Nichtwähler” bezeichnet,  diejenigen,  die  bei  allen  vier  vergangenen  Bundestagswahlen (1998, 2002, 2005, 2009) nach eigenen Angaben nicht zur Wahl gegangen sind, haben insgesamt häufiger eine geringe Schulbildung und ein geringes Einkommen als die Wähler. Dieser dauerhaften Wahlabstinenzler sind auch diejenigen, die die größte Distanz zur Demokratie aufweisen.

Weiterlesen: Manfred Güllner, Nichtwähler in Deutschland. Studie im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung (pdf)

Upcoming article: Conceptualizing hybrid national student unions

The Council of Europe Higher Education Series will see an edited volume on “Student engagement in Europe: society, higher education and student governance. My colleague Jens Jungblut an me have been accepted to contribute a paper on the typology of student organizations.

Starting from the typology for national systems of student representation and different types of student union organizations provided by Manja Klemencic we will further discuss such a concept. Klemencic clustered the different national unions of students in Europe in two groups: (a) student associations as social movement organizations and (b) student associations as interest groups. The proposed article will take this as its point of departure and will elaborate more in detail on different forms of student union organizations. Using concepts from institutional theory, this article will argue that while Klemencic’s typology works well for student unions in some countries, there is also a possibility that hybrid forms of student organizations will emerge in certain settings. The article will use the example of the national union of students in Germany, fzs, to illustrate the conceptual considerations.

Information on the edited volume: Student engagement in Europe: society, higher education and student governance | Manja Klemenčič.

Why the 2014 European Parliament elections will matter

The upcoming elections to the European parliament in 2014 seem to be far away right now. This is especially the case in Germany where regional and national elections take are due before May 2014. However, some changes in the next EP elections will make them more important than ever.

Not only the enduring Eurozone crisis but also the changed strategy of the big parties will make these election a hot issue for the future of European politics. The two main parties, social democrats (PES) and the people’s party (EPP) plan to bring a candidate for the position of the Commission President. Their totally different opinions on the future of the European fiscal policies promise an interesting and challenging election campaign. Simon Hix and Christophe Crombez look ahead to the campaign and analyze the voters’ opportunities in the elections: Why the 2014 European Parliament elections will be about more than protest votes | EUROPP.

Politische Beteiligung: Wer, wie, wozu?

“Out of balance – Critique of the presence” war das Semesterthema der Klasse “Entwerfen Visueller Systeme” der Berliner Universität der Künste. Design dient dabei als Instrument des Erkenntnisgewinns. Die Veranstaltung widmete sich des Wettbewerbs zur visuellen Auseinandersetzung mit der Gegenwart im Sinne Otto Neuraths statt, ausgeschrieben von der Stiftung Bauhaus Dessau und dem Magazin Arch+.

Die drei WZB-Forscher Mareike Alscher, Sebastian Bödeker und Marc Helbling begleiteten die Studierenden bei diesem  Projekt. Entstanden ist ein Kurzfilm zur sozialen Frage der Demokratie. Er veranschaulicht in schlichtem ansprechendem Design, wie Einkommen und Bildung die politische Beteiligung beeinflussen und zeigt bildlich, warum sich Menschen mit wenig Einkommen und niedriger Bildung von der Politik ausgeschlossen fühlen.